Vegane Ernährung bei Kindern

Kinder vegan ernähren - gesund oder gefährlich?

Immer mehr Menschen entscheiden sich aus verschiedensten Gründen für eine vegane Ernährung – und erwägen eine solche auch für ihren Nachwuchs. Aber ist das wirklich gesund oder stört es die kindliche Entwicklung? Diskutiert wird darüber gerne und viel. Wir blicken auf den aktuellen Stand der Forschung und darauf, was Veganismus für den Körper Ihres Kindes bedeutet. 

Der Artikel im Überblick:

Kinder vegan ernähren: Was bedeutet das?

Wer vegan isst, hat sich in der Regel bewusst für eine Ernährung entschieden, die nicht nur auf Fleisch verzichtet, sondern auf jegliche Lebensmittel tierischen Ursprungs. Dazu zählen beispielsweise Milchprodukte und Eier. In der westlichen Welt liegen dieser Entscheidung in der Regel ethische, ökologische oder gesundheitliche Motive zugrunde. Sie ist also meist freiwillig. Menschen in Entwicklungsländern leben häufig aufgrund einer eingeschränkten Lebensmittelverfügbarkeit und eines niedrigeren Grundeinkommens von einer rein pflanzlichen Ernährung.
 

Weitere Informationen finden Sie in unserem Artikel: Vegane Ernährung: gesund mit reiner Pflanzenkost?
 

Im Zuge des immer größer werdenden globalen Interesses an Nachhaltigkeit und Umweltschutz, ist auch der vegane Trend gewachsen. Konfrontiert sehen sich Veganer jedoch mit der ewigwährenden Frage, ob der menschliche Körper durch eine rein pflanzliche Ernährungsweise genügend Nährstoffe erhält. Vor allem dann, wenn sie auch ihre Kinder vegan ernähren möchten.

Ist vegane Ernährung schädlich für Kinder?

Die deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat eine zurückhaltende Einstellung und spricht für eine vegane Ernährung von Säuglingen, Kindern, Jugendlichen, Schwangeren und Stillenden keine Empfehlung aus. Dies basiert vor allem darauf, dass „die ausreichende Versorgung mit einigen Nährstoffen nicht oder nur schwer möglich“ ist.
 

Der kritischste Nährstoff sei dabei Vitamin B12, da es nur in tierischen Lebensmitteln enthalten ist. Unser Körper braucht es für viele Prozesse, z. B. die Nervenfunktion, die Zellteilung und Blutbildung. Fermentierte Sojaprodukte, Shiitake-Pilze oder Meeresalgen enthalten zwar auch Vitamin B12, jedoch in geringen Mengen und können nicht als adäquater Ersatz bewertet werden. Eine hinreichende Sicherheit hierfür konnten Studien bislang nicht belegen.
 

Zu den potenziell kritischen Nährstoffen zählen außerdem Protein bzw. essenzielle Aminosäuren und langkettige Omega-3-Fettsäuren sowie weitere Vitamine (Riboflavin, Vitamin D) und Mineralstoffe (Calcium, Eisen, Jod, Zink, Selen). Wird der Veganismus also falsch „praktiziert“, riskieren Eltern Mangelerscheinungen bei ihren Kindern, die eine Gedeih- und Entwicklungsstörung zur Folge haben können. Solange der menschliche Körper im Aufbau und Wachstum ist, sind die Nährstoffspeicher noch nicht ausreichend ausgebildet – eine ausreichende Energie- und Nährstoffzufuhr ist daher unerlässlich. Je stärker Lebensmittelgruppen aus der Ernährung ausgeschlossen werden, desto größer wird das Risiko für eine unzureichende Nährstoffversorgung. Wenn Eltern bei einer veganen Ernährung ihrer Kinder beispielsweise auf Hülsenfrüchte verzichten, fehlen wichtige Protein- oder Eisenquellen.
 

Wer sich dennoch für eine vegane Ernährung entscheidet, sollte unbedingt unten genannte Punkte beachten. Eine vegane Ernährung ist laut der DGE grundsätzlich nur dann „bedarfsgerecht möglich“, wenn:
 

  • Vitamin-B12 supplementiert wird,
  • der Vitamin-B12-Status und andere kritische Nährstoffe regelmäßig von Ärzten untersucht werden,
  • nährstoffdichte und angereicherte Lebensmittel gezielt ausgewählt werden,
  • eine qualifizierte Ernährungsberatung hinzugezogen wird.
 

Alle wichtigen Informationen, Tipps und Tricks rund um eine ausgewogene Ernährung von Kindern sind in unserem großen Nestlé 4 Healthier Kids Special zu finden.
 

Andere Länder, andere Forschung

Fachgesellschaften anderer Länder hingegen (USA, Kanada, Australien, Großbritannien) sprechen sich für die Möglichkeit veganer Ernährung in allen Lebensphasen aus – wenn sie denn gut geplant ist. Kanadische Kinderärzte der Canadian Paediatric Society geben an, dass eine „ausgewogene vegane Ernährung inklusive Nährstoffpräparate den Nährstoffbedarf von Kindern und Jugendlichen decken kann, wenn eine ausreichende Energiezufuhr sichergestellt wird“.
 

Wir müssen mehr wissen!

Der vielen unterschiedlichen Betrachtungsweisen zum Trotz - die Studienlage zur veganen Kinderernährung ist gering. Viele Arbeiten stammen aus den Achtziger- bzw. Neunzigerjahren, beleuchten nur kleine Forschungsgruppen und sind auch im Hinblick auf gegenwärtige Ernährungspraxis und -angebot nicht mehr repräsentativ. Die deutsche VeChi-Diet-Studie (Vegetarian and Vegan Children Study) möchte nun aber ein wenig Licht ins Dunkel bringen und ist wichtig für all jene, die für sich und ihre Kinder eine vegane Ernährungsweise in Erwägung ziehen.

VeChi-Diet-Studie - „Kindern vegan ernähren“ im Check

Die Studie vergleicht den Ernährungs- und Gesundheitsstatus zwischen vegan, vegetarisch und mit Mischkost ernährten Kleinkindern in Deutschland. Aus den Ergebnissen sollen praxisnahe Empfehlungen für alle drei Ernährungsformen entwickelt werden.

WissenschaftlerInnen des Instituts für alternative und nachhaltige Ernährung (IFANE), der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) sowie der Universität Bonn haben zwischen Oktober 2016 und April 2018 erste Daten von Kindern erhoben, die rein pflanzlich, ohne oder mit Fleisch leben. Über drei Tage protokollierten die Eltern alle Lebensmittel, Getränke und Nahrungsergänzungsmittel, die ihr Nachwuchs wie gewöhnlich zu sich nahm. Lebensstil, Körpergröße und Körpergewicht wurden ebenso festgehalten und miteinander verglichen.
 

Die Ergebnisse
 

Alle drei Ernährungsgruppen zeigten eine normale, vergleichbare Entwicklung von Körpergröße und -gewicht, was als erster Hinweis gewertet wird, dass sowohl eine vegetarische als auch eine vegane Ernährung im Kleinkindalter den Energie- und Nährstoffbedarf decken kann. Jedoch sei hervorzuheben, dass rund 10 % der vegan und 6 % der vegetarisch ernährten Kinder unterhalb des Normbereichs der Weltgesundheitsorganisation lagen – sie waren zu klein für ihr Alter. Bei Mischköstlern war dies nicht der Fall, dafür waren 3 % dieser Gruppe übergewichtig. (vegetarisch: 2,4%, vegan: 2,2%). Hinsichtlich der Nährstoffversorgung kamen die Forscher zu folgenden Ergebnissen:
 

  • Vitamin-C: Die höchste Zufuhr hatten die vegan ernährten Kinder. Die empfohlene Menge, so auch im Falle von Zink, erreichten aber alle drei Gruppen.
     
  • Eisen und Folat (Folsäure): Die empfohlene Menge der DGE erreichten hier lediglich die vegan ernährten Kinder. Durchschnittlich lagen die ermittelten Werte 45% bzw. 50 % über denen der Mischköstler.
     
  • Calcium, Vitamin B2 und Jod (die tatsächliche Aufnahme von jodiertem Speisesalz wurde bei der Messung nicht berücksichtigt): Die durchschnittliche Versorgung erwies sich in allen drei Gruppen als kritisch. Bei den vegan ernährten Kindern wurden hier die niedrigsten Werte gemessen. Die Zufuhr von beispielsweise Kalzium lag nur knapp über der Hälfte der Empfehlung. Bei den Mischköstlern konnte nur etwa drei Viertel der empfohlenen Menge ermittelt werden.
     

Es wurde außerdem beobachtet und positiv bewertet, dass 94 % der veganen Kinder ein Vitamin-B12-Präparat einnahmen. Dies sei generell bei veganer Ernährung und besonders im Kindesalter unabdingbar, so Studienleiterin Dr. Ute Alexy von der Universität Bonn: „Klares Ziel muss aber sein, dass alle veganen Kinder eine Vitamin-B12-Supplementierung erhalten, um potenziell schwerwiegenden gesundheitlichen Schäden vorzubeugen“.
 

Insgesamt konnten aber keine schwerwiegenden Unterschiede in der Aufnahme von Energie und Hauptnährstoffen erkannt werden. Die höchste durchschnittliche Protein-, Fett- sowie Zuckerzusatzaufnahme lag bei omnivoren Kindern;, vegane Kinder wiesen die meisten Kohlehydrate und Ballaststoffe in ihrer Ernährung auf. Eine vegane oder vegetarische Diät könne insgesamt genauso zu einer normalen Entwicklung beitragen wie eine mischköstliche Ernährung.
 

Die Studie zeigt bislang: Eine vegane Ernährung (der meisten) Kinder ist nur dann ohne Mangelerscheinungen möglich, wenn Eltern kritische Nährstoffe im Blick haben, den Kindern Nahrungsergänzungsmittel geben und ausreichend informiert sind. Da die erste Runde der Studie mit 430 Kindern eine recht geringe Teilnehmerzahl aufweist, gilt sie als nicht repräsentativ, gibt aber immerhin einen ersten Überblick über den Entwicklungsstand vegetarischer, veganer und gemischt ernährtern Kinder.

Kinder vegan ernähren: Tipps und To-dos!

Wenn sich vegane Eltern entgegen der Empfehlung der DGE dafür entscheiden, ihre Kinder rein pflanzlich zu ernähren, sollten stets eine kompetente Ernährungsberatung und regelmäßige Check-ups beim Arzt hinzugezogen werden. Außerdem gilt es, folgende Punkte zu berücksichtigen:
 

  1. Vitamin B12: Vegane Kinder benötigen nahrungsergänzende Vitaminpräparate (z. B. Tropfen) und ihre Werte sollten regelmäßig vom Kinderarzt kontrolliert werden.
  2. Vitamin B2- und B6: Diese kann der Körper durch Pilze, Nüsse, Mandeln, Ölsamen, Hülsenfrüchte, Vollkorn, Bananen, Möhren, Kartoffeln und Walnüsse aufnehmen.
  3. Vitamin D: Um einen Mangel und das damit drohende Risiko für eine Rachitis (Knochenerkrankung) zu vermeiden, brauchen Kinder viel Sonnenlicht und gegebenenfalls ein entsprechendes Präparat.
  4. Eiweißlieferanten: Wichtige Proteine erhält der Körper durch Kartoffeln, Kichererbsen, rote Linsen, Haferflocken, Reis, Gerste, Buchweizen, Hirse, Nudeln, Vollkornbrot und Nüsse. Kombinationen aus Kartoffeln und Getreide oder Hülsenfrüchten, Nuss- und Mandelmus liefern besonders hochwertiges Eiweiß.
  5. Calcium: Da Sie auf Milch verzichten möchten, greifen Sie zu Hafer-, Soja- und Reisdrinks, die mit Kalzium angereichert sind. Außerdem empfehlen sich kalziumreiches Mineralwasser und kalziumreiche Lebensmittel wie Rucola, Grünkohl oder Brokkoli. Haselnüsse, Mandeln und Sesam können kindgerecht als Mus bzw. Tahin gegeben werden.
  6. Jod: Den Anteil jodierten Speisesalzes sollte man bei Kleinkindern gering halten. Lieber zur Norialge greifen, aber nur, wenn der Jodgehalt deklariert ist – und beachtet wird: Liegt er bei Algensorten über 20 Milligramm pro Kilo, wird durch das Bundesinstitut für Risikobewertung vom Verzehr abgeraten.
  7. Eisen und Zink: Hier empfehlen sich Hülsenfrüchte, Nüsse, Sesam und Leinsamen. Außerdem Vollkornprodukte aller Art sowie Gemüsesorten wie Spinat, Grünkohl, Feldsalat und Schwarzwurzeln. Kinder ab sechs bis acht Monaten dürfen schon ein wenig Vollkornbrot essen. Die Eisenaufnahme erleichtern Sie dem Körper übrigens mit der gleichzeitigen Zugabe von Vitamin-C-reichen Lebensmitteln.
  8. Fettsäuren EPA und DHA: Diese Omega-3-Fettsäuren ergeben sich aus einer strikt veganen Ernährung nur in kleinen Mengen. Die DGE empfiehlt hier Öle mit moderatem Mikroalgenzusatz.

Vegetarisch ernährte Kinder – wie sieht es hier aus?

Grundsätzlich gelten hier die gleichen Anforderungen wie für eine vegane Ernährung. Auch Eltern vegetarischer Kinder müssen die Nährstoffversorgung Ihres Nachwuchses ganz besonders in Hinblick auf Vitamin B12, Eisen, Zink, Kalzium und Omega-3-Fettsäuren im Auge behalten. Die DGE erachtet eine pesco- oder ovo-lacto-vegetarische Ernährung als eine geeignete langfristige Ernährungsform. Eier und Milchprodukte bzw. Fisch sind dabei erlaubt. Wie immer muss aber auch hier eine optimale Nährstoffversorgung gewährleistet werden. Die vegetarische Ernährungspyramide hilft bei der Lebensmittelauswahl.

Kinder vegan ernähren – ein Fazit

Wie bei jeder Ernährungsform gilt auch für den Veganismus, dass er aus gesundheitlicher Sicht einige Vorzüge, aber auch mögliche Schwachstellen bietet. Die sorgfältig geplante und ausgewogene Zusammensetzung des Speiseplans ist hierfür also essenziell. Die vegane Ernährungspyramide kann hierbei helfen.

Veganen Kindern sollten Sie dauerhaft Vitamin-B12-Präparate verabreichen und stellen Sie stets sicher, dass auch alle anderen benötigten (kritischen) Nährstoffe durch entsprechende Lebensmittel und ggfs. weitere Supplemente aufgenommen werden. Eine Ernährungsberatung und die Einhaltung regelmäßiger Kontrolluntersuchungen beim Kinderarzt sollten Sie ebenfalls beachten. Können Sie diese Anforderungen nicht erfüllen, gefährden Sie mit einer strikt veganen Ernährung die Gesundheit und Entwicklung Ihres Kindes.

Quellen zum Artikel

  1. https://www.ernaehrungs-umschau.de/fileadmin/Ernaehrungs-Umschau/pdfs/pdf_2016/04_16/EU04_2016_M220-M230_korr.pdf
  2. https://www.bzfe.de/inhalt/vegane-ernaehrung-3664.html
  3. https://www.ernaehrungs-umschau.de/fileadmin/Ernaehrungs-Umschau/pdfs/pdf_2016/04_16/EU04_2016_M220-M230_korr.pdf
  4. https://www.dgkj.de/fileadmin/user_upload/Stellungnahmen/1808_DGKJ_VegetarischeKost.pdf
  5. https://ecodemy.de/magazin/stellungnahme-ist-die-vegane-ernaehrung-fuer-kleinkinder-bedrohlich/
  6. https://www.mdpi.com/2072-6643/11/4/832
  7. https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/vegane-kinderernaehrung-ohne-maengel-moeglich
  8. https://www.oekotest.de/kinder-familie/Vegane-Ernaehrung-fuer-Kinder-Darauf-sollten-Sie-achten-_10848_1.html
  9. https://proveg.com/de/5-pros/gesundheit/veggie-lebensphase/vegetarisch-vegan-saeuglinge-kleinkinder/
  10. https://verbraucherfenster.hessen.de/gesundheit/ern%C3%A4hrung/ern%C3%A4hrungsformen-di%C3%A4ten/vegetarische-kinderern%C3%A4hrung-gesund-und-machbar

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