Gesünder leben in der Familie – Das Experteninterview

Warum ist es überhaupt wichtig, mit der Familie regelmäßig gemeinsame Mahlzeiten einzunehmen? Und wie teilen wir die Aufgaben im Haushalt besser auf? Diese und andere Fragen beantworten Dr. Elke Arms von Nestlé und Dagmar von Cramm, Ernährungs- und Kochexpertin, in einem Experteninterview.

Dagmar von Cramm ist Ernährungswissenschaftlerin und Top-Buchautorin für alle Themen rund um Kinder, Jugendliche und Ernährung. Sie ist Mitglied des Präsidiums der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Als Mutter von drei Kindern bringt sie nicht nur ihre große akademische, sondern auch ihre ganz persönliche, familiäre Erfahrung in ihre Bücher mit ein. Darüber hinaus ist sie als Moderatorin und Referentin in Funk und Fernsehen bekannt.



Dr. oec. troph. Elke Arms ist verantwortlich für die Ernährungsberatung im Nestlé Ernährungsstudio. Alle Ernährungsberater sind ausgebildete Ökotrophologen (Ernährungswissenschaftler) mit fundierten Kenntnissen und viel Erfahrung. Auch Frau Dr. Arms bringt als Mutter von zwei Kindern ihre vielen persönlichen Erlebnisse in die Beratungspraxis mit ein.



Das Interview


Frau von Cramm, wie essen deutsche Familien 2009? Könnten Sie uns kurz beschreiben, was sich im Gegensatz zu früher geändert hat?

Dagmar von Cramm: Viele Familien haben mittlerweile begriffen, dass das gemeinsame Essen eine wertvolle Erfahrung ist. Früher ging es beim Essen hauptsächlich darum, satt zu werden. Wir idealisieren heute oft die historische Familie als Hort von Glück, Zusammenhalt und Gemeinschaft. Aber tatsächlich wenden wir Deutschen heute mehr Zeit für gemeinsames Essen auf als früher. Das ist für mich ein erstes Zeichen dafür, dass es mittlerweile schon ein Bewusstsein gibt: Essen kann auch Entspannung sein.

Frau Dr. Arms, in Ihrer täglichen Arbeit im Nestlé Ernährungsstudio wenden sich sehr viele Familien an Sie. Welche Fragen haben sie? Was läuft falsch in puncto Ernährung?

Dr. Elke Arms: Die Fragen der Familien sind sehr unterschiedlich und oft vereinen sich in derselben Familie ganz unterschiedliche Probleme. Es gibt beispielsweise Familien, die ein übergewichtiges und ein untergewichtiges Kind haben. Sie fragen uns, wie sie für ihre Familie eine gemeinsame Mahlzeit zusammenstellen können. Wir bieten ihnen Ideen für Rezepte und Empfehlungen, wie ein Tag in Bezug auf Mahlzeiten ablaufen könnte. Dann gibt es wiederum z. B. Familien, die eine spielerische Umsetzung für gesunde und ausgewogene Ernährung suchen.

Frau von Cramm, stimmt es, dass manchmal die Kinder das Regiment in der Familie übernehmen? Bestimmen sie häufig, was auf den Tisch kommt?

Dagmar von Cramm: Ja, das tun sie. Gerade in Ein-Kind-Familien hat das eine Kind einen großen Einfluss auf das Kochverhalten der Eltern. Es ist deshalb sehr wichtig, dass die Familie eine gemeinsame Linie hat und Entscheidungen auch gemeinsam fällt. Ist das Kind noch klein, ist das natürlich noch etwas schwierig. In diesem Fall muss es klare Spielregeln für das gemeinsame Essen geben, eine gewisse Konsequenz ist nötig. Vor allem ist es wichtig, den Tag zu strukturieren – also dem Tag seine bestimmten Essenszeiten zu geben. Gerade wenn das Kind etwas älter ist, schon in die Schule geht und ersten eigenen Aktivitäten nachgeht, sollten die Eltern dem Kind klarmachen: „Es gibt Zeiten, in denen wir gemeinsam essen. Wir geben uns Mühe und kochen für dich, also trage auch du deinen Teil dazu bei und erscheine pünktlich zu den Mahlzeiten.“

Stichwort Pünktlichkeit: Frau Dr. Arms, in immer mehr Untersuchungen liest man, dass Familien teilweise nur noch einmal am Tag oder gar nicht mehr zum Essen zusammenkommen. Wie gelingt es uns, dass gemeinsame Mahlzeiten in der Familie wieder eine wichtigere Rolle spielen?

Dr. Elke Arms: Um dieses Problem zu lösen, muss meiner Meinung nach von vielen Seiten etwas getan werden. Zuallererst muss den Familien vermittelt werden, dass Ernährung ein überaus wichtiges Thema ist. Zudem könnte man Ärzte, Lehrer und andere Erzieher in die Vermittlung des Themas mit einbeziehen. In Deutschland sollte insgesamt das Bewusstsein für gesunde Ernährung geschärft werden.

 

Frau von Cramm, drehen wir doch einfach mal den Spieß um: Warum soll die Familie überhaupt zusammen essen? Kann nicht jeder in der Familie so individuell leben, wie er möchte?

Dagmar von Cramm: Nein, das funktioniert nicht, weil man sich unter diesen Umständen als Familie gar nicht mehr trifft. Wenn jeder seine eigenen Wege geht, hat man wenige Schnittmengen. Dann trifft man sich vielleicht nur noch zum Schlafen. Familie ist aber nichts Anderes als gemeinsam verbrachte Zeit. Die Blutsbande allein macht keine Liebe und Zuneigung aus. In der Regel ist es so, dass man sich bei den Mahlzeiten trifft. Das ist die Kernzeit sozusagen, in der die Familie zusammenkommt. Wenn man jedes Mal einen Termin ausmachen muss, um sein Kind und seinen Mann zu sehen, wird die gemeinsam verbrachte Zeit zur Seltenheit.


Frau Dr. Arms, warum ist Ihrer Meinung nach das gemeinsame Essen im Kreise der Familie so sinnvoll? Inwiefern kann eine Familie von einem gemeinschaftlichen Essen profitieren?

Dr. Elke Arms: Während dieser Zusammenkunft werden positive Gefühle vermittelt. In diesen Momenten finden Kultur und Tradition statt und werden innerhalb der Familie ausgetauscht. Das allein ist schon positiv. Außerdem: Wenn man Nahrung zu sich nimmt und es gut schmeckt, dann ist das ein Genuss, und dieser Genuss ist eine positive Emotion. Alle zusammen erleben diesen Moment gemeinsam – das verbindet.

 

Frau von Cramm, jetzt denken wir mal ganz klischeehaft. Wer ist eigentlich Schuld, wenn Familien nicht mehr zum gemeinsamen Essen zusammenkommen? Sind das die Frauen, die Männer oder gar die ungezogenen Kinder? Was muss verbessert werden?

Dagmar von Cramm: Es ist die freie Entscheidung eines jeden, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Momentan ist es so, dass für Frauen zu den häuslichen Pflichten noch der Arbeitsalltag hinzukommt. Die Männer wiederum haben aber auch schon einen Teil der Haushaltspflichten übernommen. Gerade bei der Kindererziehung und auch beim Beschäftigen mit den Kindern sind die Väter von heute wirklich stark und mindestens so stark wie die Mütter. Das ganze Drumherum allerdings, also der Haushalt, der Einkauf, Putzen und Waschen lastet noch größtenteils auf den Frauen. Sie organisieren in den meisten Fällen noch immer den Alltag. Vor allem die Kinder sind früher häufig von allen Pflichten befreit worden. In dieser Hinsicht steht noch eine ganz große Aufgabe vor uns. Wir müssen die Aufgaben im Haushalt gerechter aufteilen und uns überlegen: Wie können wir erreichen, dass Männer und Kinder besser mitarbeiten? Ich denke da in erster Linie an Frauen, die sich sagen: „Ich will alles perfekt machen und meinen Mann und die Kinder bedienen.“ Diesen Frauen möchte ich raten: Fordert Hilfe bei den Kindern von klein auf ein –, macht dabei keine Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Beide müssen gleich viel helfen. Sprecht auch euren Partner an und fordert seine Hilfe ein.

 

Frau Dr. Arms, was müssen wir tun, damit die Männer mehr im Haushalt und in der Küche helfen?

Dr. Elke Arms: Im Prinzip gibt es die frühere Rollenverteilung nicht mehr. Der Mann ist nicht mehr nur für körperlich schwere Arbeiten oder Arbeiten außerhalb des Hauses zuständig. Und die Frau wiederum nicht mehr nur für die „leichten“ Arbeiten. Das heißt, wir können diese Rollen auflösen oder eben einfach so zuordnen, dass jeder im Haushalt alle Aufgaben übernehmen kann. Dieses Konzept muss ich natürlich erst mal in meiner Familie durchsetzen. Den Kindern wiederum sollte über Vorbilder vermittelt werden, dass die Rollen nicht definiert sind. Ich habe beobachtet, dass gerade in der älteren Generation die Rollenverteilung häufig aufbricht. Sobald Mann und Frau beide pensioniert sind, übernimmt der Mann öfters das Kochen und versorgt so die Familie mit Essen. Und er findet sogar großen Spaß daran. Das ist eine schöne Entwicklung.

Dagmar von Cramm: Frau Dr. Arms, ich finde, Sie haben da etwas sehr Wichtiges gesagt: Nämlich, dass es auch unterschiedliche Lebensphasen gibt. Bevor Kinder in eine Beziehung kommen, ist die Rollenverteilung noch relativ ausgeglichen. Aber sobald Kinder dann da sind, übernehmen die Mütter doch wieder fast alle Pflichten im Haushalt. Sie sind ja nicht berufstätig. Vielleicht ändert sich das nun etwas, da Väter auch in Elternzeit gehen können. Trotzdem sollte man in einer Partnerschaft zusehen, dass die Rollenverteilung ausgeglichen ist und zwar nicht erst mit der Pensionierung. Wer welche Aufgabe übernimmt, sollte keine statische Angelegenheit sein, sondern eine flexible Sache. Das heißt, wenn ein Partner wieder stärker in den Beruf einsteigt, muss auch die Aufteilung der Aufgaben wieder entsprechend angepasst werden.


Wenn man das hört, Frau von Cramm, könnte man meinen, Singles hätten es leichter in Bezug auf Ernährung. Gibt es so etwas wie ein Plädoyer für die Familie? Oder ist der Single eigentlich doch der Klügere, der sich gesünder ernährt?

Dagmar von Cramm: Nein, im Gegenteil. Ihre Studie Nestlé Studie 2009: So is(s)t Deutschland hat sehr gut gezeigt, dass Singles keinen geregelten Tagesablauf haben. Das heißt, sie essen unregelmäßig und nehmen keine ausgewogenen Mahlzeiten zu sich. Das ist alles Andere als gesund. Menschen, die in einer Familie leben, werden älter als Singles und sind meistens auch gesünder.


Frau Dr. Arms, was glauben Sie? Leben Singles nicht vielleicht doch gesünder?

Dr. Elke Arms: Der Gesundheitszustand von alleinstehenden Menschen ist i.d.R. schlechter als derjenigen von Menschen in einer Gemeinschaft. In einer Familie werden auch Tradition und Kultur vermittelt. Dieser Lebensstil ist gesünder als ein Singledasein.

Dagmar von Cramm: Abgesehen von dem gesundheitlichen Aspekt: Das Leben mit Kindern macht einfach unglaublich viel Freude und Spaß. Es steckt voller Überraschungen.

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