Abnehmen im Fokus der Wissenschaft

Wenn es ums Abnehmen geht, empfehlen Ärzte seit Jahren das Gleiche: regelmäßige Bewegung und gesunde, maßvolle Ernährung. Doch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse könnten dem Thema eine neue Dimension verleihen. Denn die Zellaktivität im Körper eines Menschen beeinflusst, wie viel Gewicht er verliert und auf welche Weise er auf bestimmte Nährstoffe reagiert.

Im Nestlé Institute of Health Sciences wird auf molekularer Ebene erforscht, was hinter einer Gewichtsreduktion steckt: Wie verarbeitet der Körper Nährstoffe? Warum nehmen manche Menschen schneller ab als andere? Warum hält der Gewichtsverlust bei manchen Menschen dauerhaft an, bei anderen hingegen nicht? Und warum gelingt es manchen Menschen durch Reduzierung ihres Gewichts Diabetes zu vermeiden und anderen nicht?


All dies sind wichtige Fragen auf dem Weg zu einer individuellen Beratung in Sachen Ernährung und Gesundheit. Wenn wir die molekularen Unterschiede zwischen den einzelnen Menschen verstehen, können Experten individuelle Lösungen erarbeiten, die wirklich funktionieren, anstatt jedem dieselbe Therapie zu verordnen.


Die Studien, die wir unterstützen, tragen dazu bei, dass jeder Mensch seinen persönlichen Stoffwechsel- und Ernährungsbedarf besser verstehen lernt und somit eine maßgeschneiderte Lösung für sich finden kann. Folgende Erkenntnisse haben wir durch unsere jüngsten wissenschaftlichen Studien gewonnen:

Kraftwerke der Zellen

In den Zellen des menschlichen Körpers sitzen die Mitochondrien, die auch als „Kraftwerke“ der Zellen bezeichnet werden. Sie wandeln Nährstoffe in Energie um. Doch nicht jeder Mensch besitzt dieselbe Anzahl an Mitochondrien. In den Zellen von jungen, sportlichen Menschen tummeln sich Hunderte von ihnen, während sich bei älteren oder inaktiven Personen weitaus weniger Mitochondrien finden. Diese Gruppe verfügt damit auch über ein geringeres Potential, um Nahrung in Energie umzuwandeln.


Im Dezember 2016 führte Nestlé in der Schweiz gemeinsam mit der Universität von Lausanne und der École Polytechnique Fédérale de Lausanne Untersuchungen durch, um den Effekt von Sport auf diese Zellkraftwerke zu untersuchen. Dabei gewannen die Forscher eine faszinierende Erkenntnis: Sport führt nicht nur zu einer Vermehrung der Mitochondrien, er sorgt auch dafür, dass sich die Energie produzierenden Proteine in den Mitochondrien zusammenballen. Das bedeutet, dass Sport den Prozess zur Umwandlung von Nährstoffen in Energie beeinflusst und zu einer effizienteren Energiegewinnung verhilft.


Warum ist das wichtig? Wir möchten personalisierte Ernährungslösungen entwickeln, mit denen sich die Wirkung von Sport nachhaltig verbessern lässt. Jetzt wissen wir, dass eine Vermehrung der Mitochondrien allein nicht ausreichen würde. Wir müssten diese darüber hinaus dabei unterstützen, dass sich auch ihre Proteine zusammenballen – im Prinzip versuchen wir also, in den Mitochondrien eine Party zu schmeißen, bei der die Gäste miteinander in Kontakt kommen!

Ein Hauptschalter für den Stoffwechsel

Uns ist natürlich bewusst, dass die Idee eines synthetischen Nahrungsmittels, das die Wirkung von Sport imitieren kann, leicht verrückt klingt. Doch so abwegig ist die Vorstellung gar nicht.


Wir haben die Wirkung eines Enzyms namens AMPK erforscht, einer Art Stoffwechsel-Hauptschalter, der die Muskeln bei der Umwandlung von Glukose und Fett in Energie unterstützt. Dieses Enzym warnt den Körper, wenn er mehr Energie braucht – etwa bei sportlicher Betätigung. Unsere Forschungsteams haben herausgefunden, dass sich die AMPK steuern lässt. Theoretisch wäre es also möglich, das Enzym dazu einzusetzen, mehr Glukose vom Blut in die Muskeln zu transportieren und die Menge an Fett zu erhöhen, die in Energie umgewandelt wird.


Natürlich kann eine solche Innovation nicht dazu dienen, Sport und körperliche Bewegung zu ersetzen. Doch Menschen mit chronischen Krankheiten wie Adipositas oder Typ-2-Diabetes, die nicht regelmäßig Sport treiben können, oder Reha-Patienten mit eingeschränkter körperlicher Bewegungsfähigkeit könnten durchaus davon profitieren. Wenn es uns gelingt, einen Stoff zu entwickeln, der die Wirkung von AMPK steigert, könnte man seinen Stoffwechsel durch einen strammen Spaziergang genauso in Schwung bringen, wie durch einen 20-minütigen Dauerlauf oder 40 Minuten Fahrradfahren. Gerade für chronisch kranke Menschen wäre das ein wichtiger Meilenstein.

Kleine Marker mit großer Wirkung

Auch bei der Erforschung des Typ-2-Diabetes besteht enormes Potenzial. Die Medizin geht allgemein davon aus, dass übergewichtige Menschen, die sich in einem prä-diabetischen Stadium befinden, das Ausbrechen der Krankheit durch Abnehmen verhindern können. Doch das ist nicht immer der Fall. Seit Langem rätseln die Wissenschaftler, warum Gewichtsverlust bei manchen Menschen vor der Entwicklung von Diabetes 2 schützt und bei anderen nicht.


In unseren aktuellen, gemeinsam mit Wissenschaftlern von Universitäten in Maastricht und Kopenhagen durchgeführten Studien entdeckten wir im Blut bestimmte Marker, die wir als eine Art „Lipid-Fingerabdruck“ interpretieren. Anhand dieser Marker lassen sich prä-diabetische Patienten ermitteln, bei denen sich ein Gewichtsverlust positiv auf den Blutzuckerspiegel auswirkt, sodass sich bei ihnen die Entwicklung von Typ-2-Diabetes verhindern lässt.


Mithilfe dieses Lipid-Fingerabdrucks können Ernährungsexperten künftig im Voraus sagen, bei welchen Patienten eine Gewichtsabnahme hilft und bei welchen nicht. Darüber hinaus versetzt er sie in die Lage, für jeden Patienten einen individuellen Ernährungsplan zu erstellen. Die Marker könnten also die Herangehensweise bei Diagnose und Behandlung von Menschen mit Diabetesrisiko beeinflussen.

Fazit

Immer mehr drängt sich uns die Erkenntnis auf, dass jeder Körper anders reagiert. Obwohl bestimmte Grundregeln allen Menschen zu einer besseren Gesundheit verhelfen, besteht ein großer Spielraum für neue Erkenntnisse und Heilungschancen auf einer individuellen Ebene.


Unsere Studien helfen uns dabei, zu verstehen, wie personalisierte Nahrungsmittelerzeugnisse unseren Blick auf die Gesundheit verändern könnten. Abnehmen stellt dabei nur einen Teil des großen Ganzen dar.

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